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Haus.Hof.Straße Die besten Geschichten aus drei Schreibwettbewerben für Kinder und Jugendliche von 2009-2011
Haus.Hof.Straße - die besten Geschichten aus drei Schreibwettbewerben für Kinder und Jugendliche jetzt zum Nachlesen
Bereits 170 Kinder und Jugendliche beteiligten sich 2011 am 3. Schreibwettbewerb, gemeinsam veranstaltet von der Baugenossenschaft der Buchdrucker und der Bücherhalle Barmbek. Nach „Ein Haus erzählt“ (2009) und „Mein Hof, der lebt“ (2010) hieß es 2011 „Eines Tages in meiner Straße“.
Jetzt ist ‚Haus.Hof.Straße‘ erschienen - ein buntes Kaleidoskop an Geschichten aus den drei Schreibwettbewerben. Wer Lust hat einzutauchen in die Welt, wie sie Kinder und Jugendliche erzählen, hält das richtige Buch in der Hand. Welche Figuren lassen sie erwachen, welche Orte und Situationen beschreiben sie, was teilen sie in den Geschichten mit? So verschieden diese auch sind, eint sie etwas: Die Lust am Schreiben. Die kann man auf jeder Seite zwischen diesen Buchdeckeln finden. Neugierig? Dann schnell aufklappen und: Lesen!
Erhältlich ist das 66 Seiten starke Buch gegen eine Spende von zwei Euro in der Geschäftsstelle der Baugenossenschaft der Buchdrucker, Steilshooper Straße 94, und in der Bücherhalle Barmbek, Poppenhusenstraße 12.
Leiter Joachim von Elsner und die Bücherhalle Barmbek sind von Anfang an als Gastgeber aus Leidenschaft dabei: „Was gibt es Schöneres, als – im Laufe von drei Jahren - hunderte von Geschichten zu lesen, die von Kindern und Jugendlichen geschrieben wurden? Und daraus, gemeinsam mit der Jury, die eindrucksvollsten auswählen zu dürfen. Ich freue mich sehr über das Ergebnis, hervorgegangen aus einer inspirierenden, wunderbaren Zusammenarbeit zwischen der Bücherhalle Barmbek und der Baugenossenschaft der Buchdrucker. So macht Kooperation Spaß.“
Frank Seeger, Vorstand der Baugenossenschaft, verband mit der Idee zum ersten Schreibwettbewerb im Jahr 2009, auch den Wunsch, aus den Beiträgen Anregungen für die Arbeit der Baugenossenschaft zu erhalten. In den geschriebenen, gesungenen und gemalten Beiträgen fand er zunächst vor allem ganz viel Freude am Umgang mit der Sprache. Die weitere Erkenntnis: "Wohnen hat ganz viel mit Gefühl zu tun, denn in den Wohnungen leben Menschen, die lieben, streiten, sich versöhnen und lachen". Dies wird in künftigen Planungen sicher noch mehr als bisher im Fokus stehen.
Zur Jury gehörten Frank Seeger, Joachim von Elsner und Anne Vowinckel sowie die Hamburger Journalistin und Autorin Bärbel Wegner. Neben einigen Schulklassen trafen vor allem viele Einzeleinsendungen ein, teils handschriftlich und illustriert und persönlich abgegeben, teils im PC geschrieben und per Post oder Mail gesendet. Die am weitesten entfernte junge Autorin kam aus Unna in Westfalen. Und immer wieder sind viele Kinder mit Migrationshintergrund dabei.
Hier, für alle von Ihnen, die das Buch bereits in der Hand halten, die Fortsetzung der Geschichte „Mayas Schicksal“, Seite 36 - 45:
Sie spürte Carlos Muskeln unter sich, seine ausgreifenden Bewegungen bei jedem Sprung. Sie liebte dieses Pferd. Dominik saß vor ihr und gemeinsam jagten sie über die Wiese.
Seit einem halben Jahr brachte sie ihm nun bei, was ihr Vater sie gelehrt hatte... und genauso lange ließ er sie auch auf Carlos reiten. Mal mit ihm zusammen, mal alleine. Sie liebte die Stunden, die sie mit Dominik und dem Hengst im Wald verbrachte.
Es war eine herrliche Abwechslung zu den Stunden in der Näherei und lenkte von den quälenden Gedanken ab, die sie immer noch nicht ganz losgeworden war.
Manchmal saßen sie auch einfach stundenlang unter einem Baum und unterhielten sich. Anfangs war sie in seiner Gegenwart immer wieder ein wenig befangen gewesen, hatte zum Teil doch wieder die höfische Anrede verwendet. Doch inzwischen passierte ihr das nicht mehr. Sie fand es auch nicht mehr seltsam ihn zu umarmen oder sich an ihm festzuhalten.
Er war ihr Freund... ein Freund, mit dem sie sich heimlich treffen musste, aber ein Freund.
„Lass uns nach Hause reiten!“ Seine Stimme holte sie zurück in die Gegenwart. Sie lachte. „Nach Hause... zu Vaters Gut. Du weißt, dass ich hier nicht zu Hause bin.“ Er drehte seinen Kopf und blickte ihr in die Augen. „Ich weiß. Ich meinte zu mir nach Hause. Ich will dich meinem Vater vorstellen.“
Das Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb. Sie sollte dem König vorgestellt werden. Sie, die Magd aus der Näherei, die keine feinen Kleider hatte. Wie stellte er sich das vor? Als wen wollte er sie überhaupt vorstellen? Als seine Freundin, die er fast täglich heimlich im Wald traf, die ritt wie ein Junge?
„Ich bin nicht mehr die Herzogstochter, Dominik. Ich bin hier nicht mehr als eine Magd.“, sagte sie leise und Claires Worte kamen ihr wieder in den Sinn. Sie hatte so recht gehabt damals, das wurde ihr immer deutlicher bewusst. Denn je enger ihre Freundschaft zu Dominik wurde, desto häufiger machte sie sich Gedanken darüber, was daraus werden sollte. Ihre Stände waren inzwischen zu unterschiedlich, um eine öffentliche Freundschaft zuzulassen. Claire war die Einzige, die von Mayas Freundschaft mit Dominik wusste und Maya vertraute ihr.
„Du bist als Herzogstochter geboren und wirst immer eine sein. Außerdem: Was zählt es was du für andere bist? Mir ist nur wichtig, was du für mich bist!“ Er hatte Carlos angehalten und stieg ab. Er kam zu ihr und streckte ihr die Arme entgegen. Langsam ließ sie sich von Carlos Rücken in seine Arme gleiten. Doch statt sie wie sonst loszulassen, hielt Dominik sie fest und sah ihr in die Augen. „Maya, ich möchte dich meinem Vater als die Frau vorstellen, die ich liebe und heiraten möchte!“, sagte er mit ruhiger Stimme.
Ihr Herz begann zu rasen. Seine Worte hallten durch ihren Kopf. „Die Frau, die ich liebe und heiraten möchte...“ Die Welt schien sich zu drehen. Sie hatte sich so oft gewünscht, er würde etwas in der Art zu ihr sagen, hatte sich ausgemalt, wie es wäre ihn zu küssen, aber nie hätte sie gedacht, dass das wahr werden könnte.
Sie sah ihn an, sah das nervöse Lächeln auf seinem Gesicht und die Liebe in seinen Augen... Es war unvernünftig sich einer Illusion hinzugeben. Der König würde keine Hochzeit erlauben, aber sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ihrer beider Traum für den Augenblick wahr werden zu lassen.
Gegen jede Vernunft schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn zärtlich.
Sie stellte sich noch ein letztes Mal vor den Spiegel und betrachtete ihr Bild. Sie erkannte sich selbst kaum wieder. Entweder konnte Claire zaubern oder es war ein anderes Wunder geschehen.
Ein Wunder, wie an jenem Tag als Dominik sie seinem Vater vorgestellt hatte. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass der König ihrer Hochzeit zugestimmt hatte. Doch als Dominik sie in den Thronsaal gebracht und vorgestellt hatte, hatte sein Vater sofort seinen Segen für ihre Ehe gegeben. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie Dominik sie stürmisch in seine Arme gezogen und geküsst hatte. Es war ihr unangenehm gewesen, doch als sie das sanfte Lachen des Königs gehört hatte, hatte sie den Kuss erwidert.
Die junge Frau, die sie aus dem Spiegel heraus mit nervösem aber glücklichem Blick musterte, erwiderte das Lächeln. Mehrmals war sie um den Spiegel herum gegangen, um sich zu vergewissern, dass keiner dahinter stand.
Ihr Spiegelbild war wunderschön. Sie trug ein langes weißes Kleid, das nach hinten in eine lange Schleppe auslief. Der Rock war ganz schlicht, doch vorne auf der Brust war der seidige Stoff leicht gerafft und mit schimmernden Perlen und kleinen Edelsteinen besetzt worden.
Ihre langen, dunklen Haare waren kunstvoll um ihren Kopf gesteckt und mit Frühlingsblumen eingeflochten worden. Hinten bildeten die Blumen einen Kranz, an dem ein Schleier, der mit der Schleppe nach hinten fiel, befestigt war.
Claire hatte sie sogar geschminkt, sodass ihre Wangen leicht gerötet schienen, obwohl sie wahrscheinlich leichenblass war. Ihre Augen wirkten durch die dunkle Umrandung größer und die hellen Punkte in der sonst braunen Iris wurden hervorgehoben.
Sie drehte sich zu der alten Frau um und umarmte sie heftig.
„Danke, danke, danke!!!“, flüsterte sie ihr ins Ohr. „Danke, dass du das für mich getan hast, danke, dass du mir eine Ersatzmutter geworden bist, danke, dass du immer für mich da warst und bist!!!“ Claire lachte leise. „Na hör mal! Denkst du ich überlasse dich den Stümpern aus dem Palast? Du musst los!“
Sie half Maya in die Schuhe und nahm dann ihr Gesicht in ihre alten, runzeligen Hände. „Ich wünsche dir ganz viel Glück und Spaß. Wir werden uns nicht mehr sehen. Sei diesem Land eine gute Königin und Dominik eine gute Frau. Aber vor allem denk an eins, mein Mädchen: Werde glücklich!“ Sanft drückte sie Maya einen Kuss auf die Stirn. „Leb wohl, meine Kleine!“
Maya sah sie an. Sie dachte an die Nacht vor einem Jahr, in der ihr Bruder gestorben war. Das hier war genauso ein Abschied, nur das dieser gerecht war. Claire war alt... uralt. Maya sah ihr in die Augen. „Irgendwann sehen wir uns wieder! Leb wohl, Claire!“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging zur Tür. Sie schaute sich nicht noch einmal um.
Langsam betrat sie die Kirche. Ein Raunen ging durch die Menge. Der Weg zum Altar kam ihr unendlich weit vor. Eigentlich hätte der König sie zum Altar führen müssen, da ihr Vater nicht anwesend sein konnte, doch sie hatte darum gebeten allein gehen zu dürfen. Ihr Vater würde da sein und sie begleiten. Sie spürte seine Anwesenheit deutlicher als jemals zuvor seit seinem Tod und auch ihre Mutter und ihr Bruder waren da und begleiteten sie auf eine Weise zum Altar, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt gewesen wäre.
„Du siehst wundervoll aus!“ Dominik sprach ganz dicht an ihrem Ohr, sodass es kein anderer mitbekam. Sie saßen in der Hochzeitskutsche, die von Carlos gezogen wurde. Lächelnd drehte sie den Kopf und küsste ihn sanft. „Wohin fahren wir? Das ist doch nicht der Weg zum Schloss.“, murmelte sie. Er lachte leise. „Nicht so neugierig. Du wirst es schon noch erfahren! Und bis dahin werde ich dir die Augen verbinden.“ Er zog ein Tuch aus der Tasche und legte es ihr vorsichtig über die Augen. Irritiert wollte sie es wegschieben, doch er hielt ihre Hand fest. „Nicht! Es soll doch eine richtige Überraschung sein!“
Nach einer Fahrt, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, hielt die Kutsche endlich an. Maya war aufgeregt. Ihre Neugier steigerte sich ins unermessliche. Dominik kam zu ihr und half ihr aus der Kutsche. Er legte den Arm um sie und führte sie in ein Gebäude. Hier war es viel ruhiger als draußen. Sanft zog er sie in seine Arme und küsste sie.
Immer noch ließ er das Tuch vor ihren Augen, auch noch, als sie eine Treppe hinaufstiegen. Doch dann endlich löste er den Knoten und helles Sonnenlicht strömte ihr entgegen. An seinem Arm betrat sie einen Balkon. Unter ihnen erblickte sie einen gigantischen Innenhof.
Er schien, als wäre er zum Leben erweckt worden. Tausende von Menschen standen dort unten und blickten zu ihnen hinauf. Sie jubelten ihnen zu.
Maya blickte auf. Ihr Blick streifte die Umgebung. Den kleinen Wald im Süden und den See im Westen.
Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sie kannte diesen Ort... besser als irgendeinen anderen auf dieser Welt. Sie sah Dominik unsicher an. Er strahlte sie an und nickte. Sie konnte es nicht glauben! Er musste verrückt sein! Das musste alles ein wunderschöner Traum sein!
Aber es fühlte sich so wahr an... so wunderbar wahr. Das war der Hof ihres Vaters! Er sah genauso aus wie vor dem Brand.
„Willkommen zu Hause!“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie blickte wieder hinunter auf die Menschenmasse, die ihnen zujubelte.
Sie war zu Hause! Dominik hatte ihr ihr zu Hause wiedergegeben und es zu neuem Leben erweckt. Überglücklich drehte sie sich zu ihm um und umarmte ihn.
„Werde glücklich!“ Claires Stimme und die ihrer Mutter überschnitten sich und in diesem Moment wusste sie, dass sie ihr Versprechen an die beiden erfüllt hatte.